Weshalb gerade in meiner Familie?

Sind wir denn anders? Haben wir etwas falsch gemacht? Warum haben alle meine Kolleginnen und Kollegen «intakte» Familien und wir tragen so ein hartes Schicksal? Das ist doch nicht gerecht!

Es liegt nicht an uns. Wir sind nicht weniger «normal» als andere. Wir sind halt einfach nur speziell.

Klar wünsche ich mir manchmal das unbeschwerte Leben meiner Pultnachbarin, die zuhause kaum Sorgen hat und bei der alles bilderbuchmässig abläuft. Aber auf der anderen Seite habe ich dafür etwas über diese Welt gelernt, dass ihr vielleicht immer verschlossen bleiben wird.

Ich habe gelernt, ganz tiefen Schmerz zu empfinden und damit zurecht zu kommen. Ich habe gelernt, auf mich zu hören und weiss, was mir gut tut, wenn ich in einem Loch stecke. Ich kannte viele Menschen, doch jetzt weiss ich, wer die richtigen Freunde sind. Madame Sonnenschein wird dies vielleicht nie lernen, immer wieder enttäuscht werden und nie wissen, wie sie sich selber fangen kann.

Ich will jetzt nicht sagen, dass ich dankbar bin, dass sich mein Dad das Leben genommen hat. Aber ich habe es akzeptiert und vieles daraus gelernt. Ich trage viele traurige, aber dann auch wieder gute Momente in mir. Wenn ich zum Beispiel nach einer Wanderung auf der Spitze des Berges stehe und mir der Wind um die Ohren pfeift schaue ich in den Himmel und denke: ;Hallo, Dad! Schau, wer ich geworden bin! Bist du nicht stolz?» Und dann weine ich eine Träne und lächle ihm zu.

by keep_smile

Wo ist mein Vater jetzt?

Er kann doch nicht einfach weg sein? Wie ist es denn dort wo er jetzt ist? Kann er mich von dort immer noch beschützen? Ist er jetzt mein Schutzengel? Hoffentlich kann er in der «anderen Welt» über seine Probleme sprechen und sich öffnen ...

Hat er das helle Licht beim Durchbruch in sein neu gewähltes Leben gesehen? All diejenigen, welche schon an diesem Punkt waren reden ja immer von diesem hellen Licht und wie schön es ist und sein muss, wenn man dort hin geht? Hat er Befreiung gespürt – eine wirkliche Erlösung? Du kannst nicht für immer weg sein, keine Umarmung mehr von Dir ...

Für einen letzten Besuch, ein letztes Telefon, eine letzte Umarmung, einen Kuss würde ich alles geben ...

Ich muss lernen Deinen Entscheid zu akzeptieren! So viele Fragen und sie werden immer unbeantwortet bleiben, aber gemeinsam können wir uns helfen diesen grossen Verlust und Schmerz zu bewältigen.

by andi

Warum hat er uns das angetan?

Eine Million mal habe ich mir die Frage nach dem Warum schon gestellt – und immer andere Antworten gefunden ... nein, nicht gefunden, sondern sie mir zurecht gereimt. So und so hätte es doch sein können, vielleicht hat er das und das überlegt, jenes gefühlt ... Im Endeffekt werden wir es nie genau wissen. Nie ...

Ich fragte mich auch, ob er denn gar nicht an uns gedacht hat. Hat er sich denn nicht vorstellen können, wie sehr uns so etwas weh tun würde? Wie sehr er uns fehlen würde? Dass wir ihn hier doch noch brauchen? Ich meine, hallo Vater, du kannst mich doch hier nicht einfach so im Regen stehen lassen? Du hast mir ja gar noch nicht Autofahren beigebracht! Du weisst ja noch gar nicht, welchen Beruf ich später einmal ausüben werde? Du hast meinen Freund ja noch gar nicht kenengelernt! Du kannst doch nicht einfach so für immer gehen? 

Und trotzdem ist es so geschehen, er ist weg, und niemand wird je genau sagen können, warum.

Aber ich bin sicher, er hatte seine Gründe.

by keep_smile

 

 

Bin ich schuld?

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass ich immer geglaubt habe, ich hätte doch etwas verhindern können. Ich hätte doch in bestimmten Momenten noch was anderes sagen können, oder anders reagieren können, und überhaupt, wenn ich doch ... stop !

Es ist nicht meine Schuld, dass sich ein mir nahestehender Mensch das Leben genommen hat. Es war seine Entscheidung, nicht meine. Klar tragen wir Hinterbliebenen jetzt die ganzen Konsequenzen, aber trotzdem: es war nicht unsere Entscheidung, also sind wir auch nicht verantwortlich dafür. Ich bin nicht schuld.

Es ist schwer, eine so tragische Situation so nüchtern zu betrachten. Aber wenn ich's nicht tue und mir ewig selber noch Vorwürfe mache, helfe ich auch niemandem weiter, und im Endeffekt will ich ja lernen, mit der Sache klarzukommen.

by keep_smile

Wie weiter?

Unzählige Male stellte ich mir diese Frage – und genau so viele Male bin ich auch an ihr verzweifelt. Wie weiter??? Ja sag schon, wie gehts denn jetzt weiter ...?

Mit dem Suizid meines Vaters brach meine Welt zusammen. Alles war tief schwarz, und ich wusste nicht weiter. Wie sollte ich je wieder normal leben können, lachen, glücklich sein können? Es hatte alles so keinen Sinn mehr.

Aber die Minuten vergingen, und auch die Stunden: schlaflos, ruhelos, voller Schmerz. Aber sie vergingen, eine nach der anderen, langsam und schleppend zogen die Tage an mir vorbei ...

Irgendwann war dann die Beerdigung vorüber, und ich hatte all die offiziellen Kondolations-Briefe gelesen. Dann war da plötzlich Stille, und ganz tief in mir drinnen eine Leere. Alle lebten ihr normales Leben weiter. Ich sah, wie meine Kolleginnen und Kollegen weiter brav zur Uni oder zur Arbeit gingen, über eine Sportverletzung klagten oder ganze Nachmittage mit shoppen verbrachten.

Und mittendrin war ich, wie auf einer Insel. Verstehen konnte mich niemand so genau, und auch ich konnte noch nicht genau begreifen, was da eigentlich passiert war. Innerlich war ich gelähmt.

Wir fuhren dann bald in die Ferien, und ich konnte etwas räumlichen Abstand zu der ganzen Sache gewinnen. Das half mir enorm, obwohl man Gefühle immer und überall mit sich trägt.

Ich fand den Weg zurück in mein «normales» Leben wieder, indem ich mir Zeit liess zum Nachdenken, zum traurig sein, und um meine ganze kleine Welt neu zu definieren.

by keep_smile

 
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